Die Ladenstraße: Gestern – Heute - Morgen
Demnächst wird die Ladenstraße 80 Jahre alt. Für so lange Zeit war sie nicht konzipiert und hat sich doch mit vielen Metamorphosen immer wieder dem Markt gestellt. Die gleichmäßige Rhythmus der einheitlichen Läden entsprach schon damals mehr dem Kostendenken der Bauherren als den Erfordernissen des Handels nach unterschiedlichen Flächengrößen an einem Standort.
Nach Krieg und Blockade kam bald die Discounter-Welle. Bis zu Verkaufsflächen bis 500 qm konnte sie noch mithalten – durch Umwandlung des nicht mehr zeitgemäßen Kinos - aber der Kofferraumkunde der Massen-Motorisierung war nicht ihre Zielgruppe – schließlich lag sie direkt neben einem U-Bahnhof! Doch die Nutzung der U-Bahn-Linie brach dramatisch ein und ÖPNV-Nutzer wurden die vier „A“: Alte, Arme, Ausländer , Auszubildende, allen anderen Verkehrsnachfrager fuhren Auto und nahmen ihre Kaufkraft mit.
Aber die Ladenstraße fand ihre Nische. Die Vielzahl der Läden brachte einen großen Branchenmix mit sich, der auch heute vom Discounter bis zum höherwertigen Lebensmittelanbieter Demski reicht, gleiches gilt für Backwaren. Aber das früher differenzierte Lebensmittelangebot in kleinen Läden musste durch andere Nutzungen wie Elektroartikel, Confiserie, Reisebüro, buntes Gastronomie-Angebot, Wellness u.a. ersetzt werden.
Aber es setzte auch ein demografischer Wandel ein: Senioren kaufen häufiger, wollen Service und persönlichen Kontakt, haben differenzierte Nachfrage und kaufen hochwertiger (….und viel mehr Alkohol als junge Leute!). Dieses neue „alte“ Nachfrageprofil passte wieder bestens zur Ladenstraße: Mit den kleinen Läden, langen Inhaberperioden, U-Bahnanbindung , Serviceangebot wie Ersatzteile, Bringeservice, Reparaturen, Beratung und Fahrradfreundlichkeit konnte sie sich vom trendigen Massengeschäft des Einzelhandels abheben. Andererseits ist die Ladenstraße auch ein kleines „Gründerzentrum“: die kleinen Läden ermöglichen Existenzgründern einen Start mit begrenztem Risiko. Hier erfüllen die Eigentümer eine öffentliche Aufgabe und sollten darin auch unterstützt werden.
Die Marktanpassungen sind oft schmerzhaft , gerade für ältere Kunden. Ein geschlossenes Nischenangebot kann häufig bei eingeschränkter Mobilität des Kunden nicht mehr ersetzt werden. Ein leer stehender Laden erweckt bei den älteren Berlinern sofort apokalyptische Ängste. Der Wandel aber ist notwendig bei schnell wechselnden Nachfrageprofilen und wechselndem Einkaufsverhalten.
Wie überlebt die Ladenstraße die nächsten 80 Jahre? Zunächst vorweg: Politische Bekenntnisse sind wertlos, wenn sie nicht in der konkreten Planung umgesetzt werden – siehe Einzelhandels-Zentrenpläne der Bezirke und der Planung von Einzelhandelsobjekten mit dem Kofferraumkunden als Zielgruppe. Das steht in krassem Gegensatz zu den Zielen der nachhaltigen Stadtentwicklung des Bezirkes („Maßnahmen: Beratung und Planung im Hinblick auf verkehrsmindernde Standortentwicklung, z.B. Einzelhandel im Quartier stärken.“)Die Unterstützung durch die Wirtschaftsförderung des Bezirks ist wichtig und könnte noch ausgebaut werden.
Bezüglich der demografischen Entwicklung ist die Ladenstraße gut aufgestellt, höherwertige Angebote müssen angesiedelt werden – auch bei alkoholischen Getränken! Die U-Bahn bekommt endlich einen Aufzug! Die Vorplätze werden umgebaut, freundlicher und schaffen Raum für kleine Veranstaltungen und Themen-Märkte. Das gastronomische Angebot wird bereichert und aufgewertet.
Stichwort E-Mobility: Ein U-Bahnhof ist 100% E-Mobility! Herunter gebrochen auf die finanzielle Wirklichkeit in Berlin bedeutet E-Mobility im Gegensatz zu Träumen der großen Strom- und Autohersteller aktuell die explosionsartige Zunahme von elektrisch unterstützten Fahrrädern mit entsprechenden Reichweitevergrößerungen. Welche Auswirkung das auf das Einkaufsverhalten, speziell von Senioren, haben wird, ist noch nicht abzusehen.
Das Projekt Truman-Plaza wird erheblich Kundenströme umleiten und mit dem Bio-Supermarkt unseren Demski-Standort gefährden. Auch das medizinische Angebot und der Wellnessbereich des Investors in der Kombination mit dem Einzelhandel wird die Entwicklung der Ladenstraße behindern. Andererseits gibt es in der Umgebung der Ladenstraße aber auch noch viel Kaufkraft, die zurück gewonnen werden kann und es gibt noch etliche Marktnischen, die besetzt werden können.
Die bauliche Sanierung muss in enger Abstimmung mit BVG und Denkmalschutz unter Ausnutzung aller möglichen Fördertöpfe durchgeführt werden. Aber ohne Truman-Plaza-Planung würden private Investitionen in einen von der öffentlichen Hand denkmalgeschütztes Handelsobjekt natürlich leichter fallen.