Ladenstraße Onkel Toms Hütte –  80 Jahren Geschichte

 

Mitte der zwanziger Jahre kaufte der Sommerfeld-Konzern große Flächen im Südwesten Berlins. Adolf Sommerfeld wollte den rationellen, preiswerten Wohnungsbau in stadtnahen Großsiedlungsgebieten forcieren und arbeitete mit den Architekten Bruno Taut, Hugo Haring und Otto Salvisberg zusammen. Problem war aber dabei die Verkehrsanbindung. Es fuhr nur ein Solowagen der U-Bahn bis zum Endbahnhof Thielplatz.

Dann bot der Sommerfeld-Konzern kostenloses Gelände und eine Baukostenübernahme für eine oberirdische Verlängerung der „U"-Bahn bis Krumme Lanke an. Damit bekam die Stadt Berlin praktisch 3 km U-Bahn geschenkt, kam aber für die künftigen Betriebsverluste auf – Sommerfelds Land konnte bebaut werden. Aus dem Aushub des U-Bahn-Einschnitts wurde am Rand des Grunewalds die Rodelbahn aufgeschüttet. Die komplett neue U-Bahn-Strecke wurde 1929 eröffnet inclusive dem Bahnhof Onkel-Toms-Hütte mit den beiden Kopfgebäuden von Alfred Grenander. Besonders die Ostseite zeigt seine Handschrift mit der durch Backsteinsäulen betonten Vertikalen. Alfred Grenander entwarf zu dieser Zeit viele Industrie- und Verkehrsbauten in Berlin, u.a. für die BEWAG und den markanten U-Bahnhof Wittenbergplatz, auch den U-Bahnhof Krumme Lanke, dessen Vorplatz nach ihm benannt wurde.

Später, nach dem Bau der Wohnhäuser, wurde der Bahnhof Onkel Toms Hütte nach Zeichnungen von Otto Salvisberg durch die Ladenpassagen an beiden Längsseiten ergänzt, dazu noch das „Onkel-Tom-Kino". Diese Passagen stellen das Versorgungszentrum der Onkel-Tom-Siedlung dar. Die Gleichförmigkeit der Läden wurde nur verändert durch die Rampen der Zugänge, weil die Passagen in der Mitte die gleiche Höhe haben wie der Bahnsteig.

Die Ladenzeilen bestanden früher aus annähernd gleich großen Geschäften und gleich gestalteten Fronten und Türen und hatten dadurch ihren eigenen Reiz, der nicht durch Werbeträger, Fahrradständer und Sitzgelegenheiten beeinträchtigt wurde. Der einheitliche Gesamtauftritt aller Läden war beeindruckend, nicht das einzelne Geschäft. Zugleich war die Ladenstraße in fußläufiger Erreichbarkeit konkurrenzloses Nahversorgungszentrum, gestärkt durch die damals noch hohe Nutzerfrequenz der U-Bahn.

 

Adolf Sommerfelds weiteres Schicksal: Bereits 1933 musste er emigrieren. Nach 1945 kehrte Sommerfeld zurück und arbeitete mit den Resten seines Unternehmens. Im Straßenbild erinnert an ihn noch der Summerfield-Ring in Wannsee.

Mit dem Krieg begann eine turbulente Zeit für die Ladenstrasse. Es wurde das Licht fast ausgeschaltet, Schaufensterbeleuchtung ganz verboten, Züge fuhren im Schummerlicht. Zum Glück vielen im Umfeld des Bahnhofs nur ganz wenige Bomben und auch vom Kriegsgeschehen im April 1945 blieb die Siedlung weitgehend verschont. Doch einschneidend war die Situation auch nach dem Krieg: Nach einem für die Bewohner sehr schwierigen Intermezzo der Besatzung durch Russen folgten die Amerikaner. Das Militär zäunte die Ladenstrasse und viele Häuser in der Umgebung ein und sie durfte bis Dezember 1946 nur von amerikanischem Militärangehörigen und deren deutschen Zivilangestellten betreten werden, ebenso auch das Kino. Auch viele der umliegenden Wohnungen mussten von der Bevölkerung kurzfristig geräumt und an die Amerikaner übergeben werden.

Die Geschäftsleute wichen auf Provisorien im Umfeld aus, Garagen und Bretterbuden, die sogar auf der Argentinischen Allee standen. Mittelfristig waren die kleinen Läden der Ladenstraße aber unattraktiv für die Amerikaner, Sie bauten das große Zentrum „PX" an der Clayallee und räumten danach die Läden, später auch die Wohnungen.

Für die Läden begann nach der Überwindung der Blockade und Luftbrücke  1949 eine Zeit stetigen Aufschwungs. Zwar wechselten die kleinen, gleichförmigen Läden häufig die Besitzer, aber insgesamt konnten sie sich als Nahversorgungszentrum behaupten. Später mussten aber doch einige Läden zusammengeführt werden, um zu größeren Einheiten zu kommen und die klare Struktur der einheitlichen Gestaltung rückte in den Hintergrund. Das Kino schloss 1966 und beherbergt heute einen Discounter – auch der ein belebender Bestandteil eines attraktiven, vielfältigen  Handelsstandortes. Die Vielzahl der Läden brachte einen großen Branchenmix mit sich, der auch heute vom Discounter bis zum höherwertigen Lebensmittelanbieter Demski reicht, gleiches gilt für Backwaren. Aber das früher differenzierte Lebensmittelangebot in mehreren kleinen Läden für Milchprodukte, Eier, Kaffee usw. musste durch andere Nutzungen wie Elektroartikel, Confiserie, Reisebüro, Wellness u.a. ersetzt werden.

 Es setzte im Umfeld  auch ein demografischer Wandel ein: Senioren kaufen häufiger, wollen Service und persönlichen Kontakt, haben differenzierte Nachfrage und kaufen hochwertiger (….und viel mehr Alkohol als junge Leute!). Dieses neue „alte“ Nachfrageprofil passte wieder bestens zur Ladenstraße: Mit den kleinen Läden, langen Inhaberperioden, U-Bahnanbindung Serviceangebot  wie Ersatzteile, Bringeservice, Reparaturen, Beratung und Fahrradfreundlichkeit konnte sie sich vom trendigen Massengeschäft des Einzelhandels abheben. Andererseits ist die Ladenstraße auch ein kleines „Gründerzentrum“: Die kleinen Läden ermöglichen Existenzgründern einen Start mit begrenztem Risiko. Hier erfüllen die Eigentümer eine öffentliche Aufgabe und sollten darin auch unterstützt werden.

Neben eingeführten traditionellen Geschäften – Elektro-Schäffler feierte gerade seinen 70. Geburtstag in der Ladenstraße(www.elektro-schaeffler.de) – gibt es jetzt auch einige erfolgreiche neue Geschäfte: Die Buchhandlung Born zog innerhalb der Ladenstraße um und verdoppelte ihre Fläche, eine Confiserie wurde eröffnet, ein Teeladen kam ebenso dazu wie ein Laden für Gesundheit, Wellness und Schönheit, es gibt leckere Pizza bei Ibo und demnächst eröffnet das Ehepaar Schade eine interessante neue Gastronomie „Curry  & More“ mit bequemen Polstern und vielen alten Fotos der Ladenstraße.

Auch die Umgebung ist wichtig für die Ladenstraße: Das gesamte Umfeld steht unter Denkmalschutz wie auch die Ladenstraße selbst. Es konnten an der Seite der Riemeisterstraße neue Kurzparkplätze für Pkw eingerichtet werden, außerdem auch neue Fahrradstellplätze. Für die Umgestaltung des Vorplatzes  an der Onkel-Tom-Straße gibt es eine weit fortgeschrittene Planung, die eine weitgehende Abräumung der Fläche für kleine Veranstaltungen vorsieht, dazu die Montage von Kinderspielgeräten und auch hier mehr Fahrradstellplätze.

Die Ladenstraße – nach 80 Jahren braucht sie täglich etwas mehr Zeit vor dem Spiegel, sie kann auch etwas Rouge gebrauchen, aber sie steht zu ihren Falten!

 

Viele Informationen über die Ladenstraße selbst und jeden einzelnen Laden mit Öffnungszeiten, Kontaktperson und Telefonnummer gibt es auf der Internetseite www.ladenstrasse-oth.de.